Eisenflechter (k)ein Lehrberuf?

 

 

 

 

Wie Sie vielleicht wissen, existieren in Österreich derzeit rund 260 Lehrberufe in diversen Branchen, die sich alphabetisch aufgelistet in der sogenannten Lehrberufsliste wiederfinden.

Eisenflechter befinden sich nicht darunter.

Das Berufsbild und die derzeitige Ausbildung der Eisenflechter lässt sich zusammengefasst wie folgt beschreiben:

Dem Eisenflechter obliegt die Herstellung des Traggerüstes aus Bewehrungsstahl eines im Stahlbetonbau auszuführenden Bauwerkes an Ort und Stelle, wobei der Bewehrung die Aufgabe zufällt, dem Stahlbeton die dem Beton fehlende Zugfestigkeit zu liefern und ihm damit Biegefestigkeit zu verleihen * Vgl Bewehrungsatlas B 4700, 14 . Zu den Zugkräften zählen im weitesten Sinn auch die aufzunehmenden Schwind-, Scher- und Torsionskräfte * Zu den Einwirkungen auf Bauwerke siehe ÖNorm 4700, 8 ff. . Die Werkleistung besteht in der lagerichtigen Verlegung der bauseits bzw. vom Biegebetrieb bereitgestellten und allenfalls von Eisenbiegern vorgefertigten Betonstähle bzw. Betonstahlteilkonstruktionen in bauseits hergestellten Formen (Schalung), wobei als wichtigste Leistungsmerkmale der richtige Abstand der statisch wirksamen Stähle zueinander und der Abstand der Konstruktion zur Schalung hervorzuheben sind. Weiters kommt es auf die plangerechte Ausführung des Bewehrungsplanes und die Maßnahmen zur Lagesicherung * Die fertige Bewehrung muss ihr Eigengewicht tragen, dem Winddruck, den Belastungen beim Betoniervorgang und dem Eigengewicht des Betons standhalten können, ohne ihre Lage vor Aushärtung des Betons zu verändern. an. Das fertige Werk des Eisenflechters wird vor dem Betoniervorgang vom Auftraggeber und vom Planverfasser abgenommen.

Eine (relativ seltene, aber umso schwierigere) Form der Werkherstellung ist das „Freikörperflechten“. Hier wird außerhalb der Schalung ein Bauteil (Bewehrungskörper) hergestellt, der nach seiner Fertigstellung in die Schalung versetzt wird. Der Eisenflechter stellt den Bewehrungskörper in transportgerechter Form her, er achtet besonders auf Maßgenauigkeit und Verformungsstabilität. Transport und Einbau erfolgen bauseits, dem Eisenflechter kommt allenfalls noch die Aufgabe der Verbindung mehrerer versetzter Bewehrungskörper zu.

Wie bereits erwähnt, ist „Eisenflechter“ in Österreich kein eigenständiger Beruf. Die Tätigkeit wird im Rahmen des Baumeistergewerbes ausgeübt.

Die Ausbildung erfolgt im Rahmen der Pflichtgegenstände des Lehrplans des schulautonomen Ausbildungsschwerpunktes Bauhandwerkerschule für Maurer *Vgl Pflichtgegenstände des schulautonomen Ausbildungsschwerpunktes Bauhandwerkerschule für Maurer, BGBl. 1996/566 (in der ersten Klasse im bautechnischen Praktikum wird das Biegen und Verlegen der Bewehrung geübt, in der zweiten Klasse unter dem Lehrziel der Erstellung und Auswertung von Bewehrungsplänen das Verlegen der Bewehrung gelehrt). Die Ausbildung nach dem Lehrplan der Werkmeisterschule für Berufstätige für Bauwesen * Vgl Anlage A.1 zu BGBl II 2001/56, Lehrziel: Beherrschung von Berechnungen für den Stahlbetonbau, Lösung einfacher rechnerischer und konstruktiver Baufaufgaben bzw. der berufsbildenden Höheren Schule für Bautechnik * Vgl Anlage 1.1.1 zu BGBl II 1997/302, Hochbau und Tiefbau; in der Maurerei-Handwerkstätte (Bauwerkstätte) wird im ersten und zweiten Jahrgang das Verlegen von Bewehrungen in der Praxis geübt, die selbständige Lösung von statischen und konstruktiven Aufgaben des Stahlbetonbaus wird im 4. Jahrgang gelehrt bezweckt hingegen nach praktischer Übung die Lösung statischer und konstruktiver Probleme.

Der Eisenflechter erhält seine weitere Ausbildung im praktischen Einsatz in einer „Eisenflechterpartie“. Ein Anfänger verrichtet unter Aufsicht einfache Tätigkeiten wie Stahl in richtige Lage bringen, Stahl aus dem Lager nach Position auswählen, Stahl mittels Bindedraht zu festen Geflechten verbinden und Abstandhalter zwischen Schalung und Stahlgeflechten anbringen. Nach ca. 2 Jahren verlegt er nach Unterweisung durch den „Partieführer“ Abschnitte des Bewehrungsplanes. Er muss nunmehr unter anderem den Bewehrungsplan richtig lesen können, vor allem die richtige Reihenfolge der Verlegearbeiten erkennen können; zudem führt er die Anfänger. Nach einer Ausbildungszeit von 4 – 5 Jahren kann der Eisenflechter zum „Hilfspartieführer“ und nach Sammlung entsprechender Erfahrung an verschiedenen Bauwerken zum „Partieführer“ aufsteigen. Er überträgt z.B. die Teilungen der Planvorlagen mittels Kreiderissen auf die Schalung, teilt den Arbeitsablauf ein * Besonders wichtig für den richtigen Beginn der Verlegung bei Durchdringungen; einmal falsch begonnen, sind sie nicht mehr verlegbar. und bestimmt die nötige Mannschaftsstärke zur Einhaltung des „Betoniertermins“. Er muss durch seine Erfahrung in der Lage sein, Konstruktions- oder Planmängel zu erkennen und die Bauleitung warnen * Vgl die Warnpflicht des Werkunternehmers bei offenbarer Untauglichkeit des vom Besteller gelieferten Materials oder bei offenbar unrichtigen Anweisungen des Bestellers (vor allem im Bewehrungsplan, selten im Bauplan) gemäß § 1168a ABGB iVm Der Haftung für den Erfüllungsgehilfen gemäß § 1313a ABGB , und er stellt die richtige Lage der Bewehrung in der Schalung sicher. (Vgl. „Einsatz von Werkverträgen am Beispiel von Eisenarmierungsarbeiten“, Hofrat Dr. Heinz Bachler, ZAS 2002, 1)

Bereits diesen Ausführungen lässt sich entnehmen, dass Eisenflechter Profis auf ihrem Gebiet sein müssen um die ihnen gestellten Aufgaben in Maßarbeit zu bewerkstelligen.

Zusätzlich zur Materialkenntnis, Kenntnis der verschiedenen Betonbewehrungen, Montage- und Befestigungstechniken ist auch das Beherrschen elektrischen Schweißens (sowie Widerstandschweißen, Lichtbogenschweißen etc.) und die immer stärker in den Vordergrund rückende Beachtung diverser Sicherheits-, Hygiene- und Umweltvorschriften gefordert.

Gerade in Zeiten ständiger bauvertraglicher Risikoüberwälzung auf Subunternehmer, einer zunehmend, gerichtlichen Klärung von Schadensersatz-, Produkthaftungs- und Gewährleistungsfragen und steigender, beinahe schon überbordender verwaltungsrechtlicher Auflagen und Vorschriften, sehen sich die Mitglieder unseres Verbandes mit einem Mangel an qualifiziertem Verlegepersonal konfrontiert.

Es ist auch kein Geheimnis, dass der Markt verstärkt von Verlegefirmen heimgesucht wird, die durch einen quasi Ankauf diverser, sogenannter „Deckmeister“ die gewerberechtliche Befähigung für ihre Arbeit überhaupt erst erlangen. Aus der Praxis wissen wir auch, dass diese Firmen nur allzu schnell wieder von der Bildfläche verschwinden, sobald sie ob ihrer mangelhaften Leistung mit schadenersatzrechtlichen Regressansprüchen konfrontiert werden.

Naturgemäß nicht verbessert wurde die Situation durch die Novellierung des § 373a GewO, mit welcher durch eine weitgehende Liberalisierung die Anerkennung europäischer Berufsberechtigungen geradezu automatisiert wird.

Aus all diesen Überlegungen und nach positivem Feedback seitens unserer Mitglieder sind wir der Ansicht, dass wirtschaftlicher Bedarf an der Schaffung eines Lehrberufes „Eisenflechter“ jedenfalls gegeben ist.

§ 8a des Berufsausbildungsgesetzes sieht diesbezüglich vor, dass der Bundesminister für wirtschaftliche Angelegenheiten durch Verordnung die Durchführung eines Ausbildungsversuches vorsehen kann, der zur Erprobung, ob bestimmte Tätigkeiten, deren fachgemäße Erlernung mindestens zwei Jahre dauert, geeignet sind, den Gegenstand eines neuen Lehrberufes zu bilden, wenn es im Interesse der Verbesserung der Ausbildung von Lehrlingen gelegen ist.

Diese Voraussetzungen sind unserer Ansicht nach gegeben, sodass wir Sie im Rahmen Ihrer Möglichkeiten höflich um Unterstützung unseres Anliegens ersuchen um dem „Eisenflechter“ einen seinem Stand und seiner Qualifikation angemessenen Status als eigenständiger Ausbildungsberuf zukommen zu lassen.

Franz Saringer
(Präsident)